• Götz Werner, Mindful Leadership Konferenz Stuttgart, Hospitalhof Concadora Verlag, Rudi Ballreich

Götz W. Werner

Götz W. Werner wurde als fünftes Kind einer Drogistenfamilie in dritter Generation geboren. Seine Mutter kam aus Preußen und hatte Psychologie studiert. Er besuchte nach der Mittleren Reife eine Handelsschule in Konstanz am Bodensee, wo er von 1961 bis 1964 eine Drogistenlehre absolvierte. Dort setzte er das in Heidelberg begonnene Rudern fort und wurde in seiner Freizeit zu einem begeisterten Ruderer. Sein energisch betriebenes Hobby führte schließlich 1963 zum Deutschen Jugendmeistertitel im Doppelzweier. Danach erwarb er Berufspraxis in verschiedenen Handelsunternehmen. Schließlich trat er 1968 in das elterliche Drogeriegeschäft in Heidelberg ein. 1969 wechselte er zur Karlsruher Großdrogerie Idro der Firma Carl Roth. Nach der Reorganisation des Vertriebs schlug er der Geschäftsführung auch die Einführung des Discounter-Prinzips vor, jedoch mit einer kompetenten Kunden-Fachberatung. Seine Ideen wurden abgelehnt.

Werner verließ daraufhin seinen Arbeitgeber und machte sich selbständig. 1973 gründete er seine erste Drogerie in Karlsruhe. Der Name für das neue Unternehmen „dm“ ist die Abkürzung für „Drogeriemarkt“. 1976 expandierte Werner auf den österreichischen Markt. Werners früherer Ruderpartner Günter Bauer leitet heute dm-Österreich. 1978 existierten bereits mehr als 100 Filialen in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2010/2011 gab es 2536 Filialen in elf europäischen Ländern. Das Unternehmen beschäftigt rund 36.000 Mitarbeiter, die 2010/11 einen Umsatz von mehr als 6 Mrd. Euro erwirtschafteten. 2013 schätzte das manager magazin sein Gesamtvermögen auf ca. 1,1 Mrd €. Götz Werner lag somit auf Platz 109 der 500 reichsten Deutschen. Als Nachfolger von Reinhold Würth wurde er 2003 zum Professor des Instituts für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie (ehemals Universität Karlsruhe (TH)) ernannt und war bis zum Ende seiner Professur am 30. September 2010 dort tätig. Seit 2011 ist er Kurator am IFF Institut für Familienunternehmen in Stuttgart.

Werner zog sich Mitte Mai 2008 aus der operativen Geschäftsführung zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Nachfolger wurde sein damaliger Stellvertreter Erich Harsch, der zu diesem Zeitpunkt seit fast 27 Jahren für dm gearbeitet hatte. Werners ältester Sohn Christoph (* 1973) gehört seit 2011 auf Wunsch von Erich Harsch der erweiterten dm-Geschäftsführung an, zuvor war er beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline in den USA tätig. Werner ist in zweiter Ehe verheiratet und hat sieben Kinder.

Unternehmenskonzept
Zunächst ging Werner einen konventionellen Weg, indem er weitgehend das Discounter-Prinzip (Selbstbedienung, hohe Rabattsätze aufgrund von Großeinkäufen) des Lebensmittelhandels für den Drogeriemarkt übernahm. Anlass war 1973 die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte. Diese innovative Betriebsform wurde mit steigender Expansion zunehmend bürokratischer und schwerfälliger. Anfang der 1990er Jahre änderte Werner schrittweise die interne Organisationsstruktur. Die Filialen erhielten zunehmend mehr Selbstverantwortung und Eigenkontrolle. Heute bestimmen die dm-Filialen vor Ort selbst ihr Sortiment, ihre Dienstpläne, zum Teil die Vorgesetzten und sogar die Gehälter. Dieser Gestaltungsspielraum der Mitarbeiter bei Entscheidungen ist nach Ansicht von Analysten der Grund für konkurrenzfähige niedrige Preise bei vielen Produkten sowie eine hohe Mitarbeiter-und Kundenzufriedenheit.

Seine besondere Art der Unternehmensführung erfuhr bundesweit Aufmerksamkeit. Die Anwendung eines betont unautoritären Führungskonzepts, der sog. Dialogischen Führung,stützt sich auf die Grundwerte von Verständnis und Respekt. Werner zog in seinem Unternehmen den Dialog der Anweisung vor.  Einen seltenen Weg zur Förderung der betrieblichen Zusammenarbeit ging Werner, indem er auf einer „Offenheit für Neues“ bestand. Das Ungewöhnliche daran bestätigt u. a. eine arbeitspsychologische Studie,wonach die meisten Mobbing-Opfer „offen für neue Erfahrungen“ (gewesen) sind. Die Filialleiter von dm kamen am Anfang nur sehr schwer mit dieser Umstellung zurecht.

Werner ist ein bekennender Anthroposoph und richtet seine Unternehmensphilosophie nach den Prinzipien von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität aus. Daher sieht er auch in seinen Mitarbeitern keine Personalkosten, sondern „Kreativposten“ mit „Mitarbeitereinkommen“. Prämien- und Bonussysteme betrachtet er als „permanentes Misstrauen“ gegenüber der Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter. Dennoch wird am Ende eines jeden Tertials eine sogenannte „Tertialabschlusszahlung“ (in variabler Höhe) an diejenigen Mitarbeiter ausgezahlt, deren Filiale das geplante Ziel erreicht oder überschritten hat.

Eine Besonderheit stellt auch sein Ausbildungskonzept dar, das mehrere Auszeichnungen erhielt. Alle Auszubildenden (von Werner „Lernlinge“ genannt) absolvieren während ihrer Ausbildung zwei Mal ein achttägiges Theaterprojekt. Mit Unterstützung von Profis sollen sie dadurch „Team- und Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, zielgerichtetes wie situationsangemessenes und flexibles Handeln“ einüben. Ziel ist es, sie mit einem Geschäftsmodell vertraut zu machen, das sich als „lernendes Unternehmen“ versteht, um wegen der permanent sich verändernden Marktbedingungen flexibel und effizient handeln zu können. Der passionierte Ruderer Werner veranschaulicht diese Situation mit einem „permanenten Wildwasser“.

Politisches und soziales Engagement
Seit dem Jahr 2005 setzt sich Werner öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland ein. Die Anfänge seiner Ideen reichen bis ins Jahr 1982 zurück, als die Arbeitslosenzahl in Deutschland einen bis dahin einmaligen Höchststand erreichte. Die Finanzierung des Grundeinkommens beruht demnach auf der allmählichen Abschaffung der Einkommensteuer und der gleichzeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als „Konsumsteuer“ auf 100 %. Im November 2005 gründete er dazu die Initiative „Unternimm die Zukunft“.

Werner fördert kulturelle und soziale Projekte wie den Hermann-Hesse-Preis, ein Tageszentrum sowie eine Zufluchtsstätte für Straßenkinder in Alexandria, Ägypten und kostenlose Musikkurse für Kinder. Am 16. August 2010 wurde bekannt, dass Werner seine Unternehmensanteile einer gemeinnützigen Stiftung überlässt. Laut Werners PR-Referent betreibt die Stiftung jedoch keinerlei Öffentlichkeitsarbeit. Über die gesetzlichen Verpflichtungen hinaus gäbe es laut PR-Referent keine Veröffentlichungen über die Projekte, die von der Stiftung unterstützt werden.
Für sein Lebenswerk erhielt er 2003 den Fairness-Ehrenpreis der Fairness-Stiftung. Das Ausbildungskonzept prämierte die IHK Stuttgart mit dem Innovationspreis Ausbildung 2004. Den Initiativpreis Aus- und Weiterbildung 2004 verliehen ihm der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT), die Otto-Wolff-Stiftung und die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ gemeinsam. 2004 erhielt er auch das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2008 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. 2005 ehrte ihn der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) mit dem BDU ManagerAward. Im Oktober 2005 wurde er im Rahmen der II. Bayreuther Dialoge mit dem erstmals vergebenen Bayreuther Vorbildpreis ausgezeichnet. 2007 erhielt er den Heckerhut des SPD-Kreisverbandes Konstanz. Im Oktober 2008 erhielt er von der Unternehmensberatungsfirma Ernst & Young die Auszeichnung Entrepreneur des Jahres in der Kategorie „Handel“. 2010 erhielt er den Deutschen Handelspreis in der Kategorie „Lifetime Award“. Im Jahr 2012 wurde Werner in die Hall of Fame des Manager Magazins aufgenommen. In der Laudatio anlässlich der Preisverleihung lobte der Philosoph Peter Sloterdijk das Lebenswerk Werners. 2014 erhielt Werner den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Lebenswerk, 2015 den Erich-Fromm-Preis und die Mercator-Professur.

2017-01-19T11:16:57+00:00